„Ganz ruhig," sagt sie zu ihrem Bild im ovalen Garderobenspiegel, „es besteht überhaupt kein Grund zur Aufregung." Einige Minuten bleiben ihr noch, bis er vor der Tür steht. Prüfend betrachtet sie ihre Frisur, aus den streng zurück gekämmten Haaren hat sich eine lockige Strähne gelöst, die ihr ins Gesicht fällt. Keine Zeit jetzt, sie zu richten. Sie streicht sie hinter das Ohr zurück. Ein Blick auf ihre Waden zeigt: die Naht sitzt genau in der Mitte. Gut, dass sie zu dem schwarz-weiß karierten Kleid ihr einziges Paar Nylonstrümpfe angezogen hat, weil die frühere Nachbarin sie besuchte.

Sie überlegt, was sie für den Mann empfindet, der gleich klingeln wird. Liebe ganz sicher nicht. Hat er sie doch heftig in ihre Grenzen verwiesen, als sie von ihren Wünschen sprach. Nie wird sie jenen Frühlingsabend vergessen, an dem sie ihn in Barmen zur Haltestelle begleitete. Sie schritten vorüber an zerbombten, verbrannten Häusern. Überall wurden Trümmer beiseite geräumt, neue Häuser wuchsen empor. „Neubeginn, wohin man schaut," hatte sie gemurmelt. „Übrigens," sagte sie laut in seine Richtung, „hat man mir in Ronsdorf, in der Nähe meiner Arbeitsstelle, ein Wohnung angeboten. Dahin kann ich in Kürze ziehen. Wenn Sie mich aber heiraten, bleibe ich hier in Barmen, dann haben Sie es nicht so weit." Es klang genau wie sie es beabsichtigte, als habe sie ihm ein Käsebrot statt einer Wurststulle angeboten.

Er stand ganz still, ihr zugewandt, seine großen Augen rollten wild umher, die spärlichen Haare standen wirr von seinem Kopf ab. „Heiraten?" rief er so laut, dass ein altes Ehepaar sich erschrocken umdrehte. „Das geht auf gar keinen Fall, weil..." Der Rest des Satzes ging unter im Kreischen der Räder einer Straßenbahn, die eben um die Ecke bog. 'Er sieht aus, wie ein Pferd in Panik,' dachte sie und hätte beinahe gekichert. „Ich muss los," brüllte er, die Bahn übertönend, wedelte zum Abschied mit der Hand und trabte davon.

Sie schaute ihm nach ohne zu winken und dachte: 'Dann ziehe ich wohl um. Ein neuer Anfang ist es auf jeden Fall.' Und ging mit trotzig erhobenem Kinn nach Hause. Seitdem hatten sie sich einige Male getroffen, den Vorfall aber nie wieder erwähnt.

Nun klingelt es und als sie öffnet, steht er mit schief gelegtem Kopf und seinem entwaffnenden Lächeln vor der Tür. Sie hat keine Verabredung vergessen, er möchte sie nur so einmal besuchen, die neue Wohnung anschauen, sich mit ihr unterhalten.

Der Mann hat seinen Hut an die Garderobe gehängt und ist ihr in die Wohnküche gefolgt. Die Aktentasche stellt er ans Tischbein. Sie überlegt, was er darin wohl Kostbares mit sich führt. Er sitzt am Küchentisch, während sie das Brot aus dem Kasten nimmt, einen Rest gesparte Butter daneben stellt und eingelegte Gurken und Wurst vom Vetter auf dem Lande auftischt. Nun zieht er eine Flasche Rotwein aus der Aktentasche hervor, sie kramt in der Tischschublade nach dem Öffner. Das Geschirr der Eltern, das die Angriffe überlebte, gibt der Mahlzeit etwas Gediegenes.

Nach drei Schlückchen Wein erscheinen rote Flecken auf ihren Wangen, sie stoßen an und sagen 'Du'. Er schiebt jetzt seinen Teller ein wenig zurück, lächelt sie wieder mit leicht geneigtem Kopf an und fragt: „Willst Du mich wohl noch immer heiraten?" Sie möchte jetzt sehr kühl antworten, dass sie es sich noch überlegen muss. Aber der Wein und sein Lächeln haben ihrem Stolz einen kleinen Schubs gegeben und deshalb nickt sie nur.

Nun zählt er alles auf, was gegen ihre Verbindung spricht. Er sei zu alt für sie, -das hat ihre Mutter auch gesagt-, er sei nicht wirklich gut aussehend, -das fand ihre Schwester ebenfalls-, er habe ein aufbrausendes Temperament, - davor hatte sein Kollege sie gewarnt. Noch ohne dass irgend jemand davon wusste, welche Wünsche sie hegte, hatte sie sich eine Menge Unsinn über ihn anhören müssen.

Sie nickt und betrachtet ihn, redet nicht dagegen. Denn sie überlegt nun, was sie eigentlich an ihm findet. Er besitzt ein weiches Herz, setzt sich für Schwache ein. Und obwohl er klug ist, fehlt ihm die Arroganz, die Intelligenz oft für andere unerträglich macht. Jetzt lächelt sie, fährt mit der Hand durch die Luft, wischt alle Argumente fort. Er ist aufgestanden, hinter sie getreten, legt seine Hände leicht auf ihre Schultern. Sie erhebt sich, dreht sich zu ihm um und küsst ihn auf den Mund.

Später in der Nacht wacht sie auf und betrachtet ihn. Sein Gesicht sieht im Schlaf blass und verletzlich aus. Die Augäpfel bewegen sich schnell hinter den geschlossenen Lidern und seine Mundwinkel zucken, als lächele er im Schlaf. Ein Welle der Wärme breitet sich von der Mitte in ihrem Leib aus. Sie denkt: 'Ist das Liebe? Egal, du hast ihn gewollt, jetzt hast du ihn. Und außer dem Wein waren nur Pantoffeln in der Aktentasche, so ein Filou!' und mit einem Glucksen in der Kehle schläft sie wieder ein.

 

   

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