Törichte Hoffnung! Kilometer und Konventionen trennen sie. Nur eben im Traum erschien sie ihm näher denn je. Er seufzt tief auf. Sogleich meldet sich dumpf der mahnende Schmerz in der Brust. Sein Blick schweift zur Uhr auf dem Nachtschrank. Später Vormittag. Sie sitzt jetzt auf ihrem Stuhl neben dem Fenster, das wärmende Tuch von ihm um die Schultern gelegt. Ein Buch vor ihr auf dem Tisch. Manchmal blickt sie durch das Fenster in den Garten, denkt an ihn.

Seine zitternde Hand streckt sich nach der Karte aus, die sie ihm schickte. Ergreift sie und liest. Er kennt sie auswendig, die Worte, die soviel verschleiern und noch viel mehr enthüllen. Hat sie Buchstaben für Buchstaben aufgesogen. Antworten kann er nicht mehr, ist zu schwach.

Aber Erinnern ist möglich. Er denkt an die Ausstellungen, die sie besuchten, wie gegensätzlich oft ihre Ansichten über die Kunstwerke waren. Immer wieder staunte er, wie viel sie einander über Bücher und Filme erzählen konnten. Und wie zart und verbindend es sich anfühlte, miteinander zu schweigen. Sie zog ihn magisch an mit ihrem schnellen, leichten Lachen, ihrer spontanen Freude. Schien die Sonne, ließ sie sich gern auf der Terrasse nieder, regnete es, begeisterte sie sich für einen gemütlichen Nachmittag auf dem Sofa. Er wünschte sich oft, etwas von ihrer Fähigkeit zu besitzen, allen Umständen Gutes abgewinnen zu können.

Fast hätte er wieder geseufzt, atmet lieber flach, damit der Peiniger nicht zu stark wird. Es klopft leise an der Tür. Rasch schiebt seine Hand die Karte unter das Kopfkissen. Seine Schwester schaut herein, will sehen, ob er wach ist, Besuch haben möchte. Sie kommt jetzt täglich eine Stunde, meist sprechen sie über die Kinderzeit. Er nickt ihr zu.

Sie küsst ihn auf die Wange, bevor sie sich setzt. Sie haben sich immer sehr nahe gestanden, alles besprochen. Jetzt erinnert sie ihn daran, wie er sie gegen eine Übermacht älterer Jungen verteidigt hat, früher, als sie Kinder waren. Sie lachen beide ein wenig. Dann schweifen seine Gedanken ab.

„Damals war ich erheblich mutiger.“, sagt er. „Als Erwachsener habe ich es kaum gewagt, einmal etwas Unerwartetes zu tun. Aus der Reihe zu tanzen.“ Er hält inne, ringt nach Luft. „All die vergeudeten Jahre“, seine Augen weisen zur Tür, hinter der die Geräusche jetzt lauter geworden sind. „Wir haben uns doch schon lange nichts mehr zu sagen. Vielleicht hätten wir beide eine Chance gehabt, wenn wir uns rechtzeitig getrennt hätten.“

Er muss wieder seufzen, ein Stöhnen wird daraus. Seine Schwester beugt sich vor, streicht ihm über die Hand. „Du Armer,“ sagt sie. Seine Augen funkeln sie an. „Arm ist richtig,“ stößt er hervor, „bedauernswert nein, aber arm ja.“ Der Zorn kräftigt seine Stimme. „Arm, weil ich zu feige war, mich zu verschenken, mich zu bekennen zu dem Glück, das mir doch noch begegnet ist.“ Sie nickt, weiß wovon er spricht. Seine magere Hand ist jetzt auf der Bettdecke zur Faust geballt, als wolle er einen unsichtbaren Gegner schlagen.

„Ausreden und Entschuldigungen gab es genug. Nun habe ich nichts mehr zu verlieren und dennoch zögere ich. -Tust du mir einen Gefallen?“ Sie nickt wieder. Er deutet mit dem Kopf zur Kommode. „Da liegen Stift und Papier. Wenn du für mich schreibst, kann ich doch noch einmal zu sagen versuchen, was mir wichtig ist.“

Als sie bereit ist, öffnet er nach einer langen Pause den Mund. Ein tosender Strom ungesagter Worte ergießt sich von seinen Lippen, findet seinen Weg durch ihre Hand auf das Papier. Seine Schwester wischt sich mit dem freien Handrücken die Wangen, während sie schreibt, damit ihre Tränen den Brief nicht benetzen. Aber er lächelt die ganze Zeit. Als sie den letzten Punkt setzt, schläft er bereits wieder. Sein Traum umfängt ihn an der selben Stelle, an der er ihn verlassen hat.

   

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