Die Frau presste ihre Lippen zusammen und hielt die Handtasche auf ihrem Schoß krampfhaft umklammert. Sie hasste diese Parade der Zurschaustellung und Angeberei aus tiefstem Herzen, ihr wurde schlecht vom Gestank der Abgase und der Schaukelei durch die Schlaglöcher des Weges. Aber das war ja längst nicht alles. Heute schallten ihr bei dem Geräusch der Maschine die Worte des Pfarrers in den Ohren: “ Auch wir müssen unser Leiden annehmen, wie Christus es tat.” Und immer wieder “Leiden annehmen, Leiden annehmen”, bei jedem Aufheulen des Automobils, bei jeder Bodenwelle.

Was verstand der denn schon vom Leiden, der rotwangige, dickbäuchige Pastor mit der weißen Halskrause über dem schwarzen Talar, der täglich die fettesten Hühner und besten Stücke vom Schwein von seinen Schäfchen aus der Bauernschaft erhielt, der bekannt dafür war, wie gern er dem dunklem Bier aus der nahen Brauerei zu sprach. Sie wandte sich zur Seite, um das lächelnde Gesicht ihres Mannes nicht mehr sehen zu müssen, der immer noch aus dem Fenster winkte. Am liebsten hätte sie ihn aufgefordert, zu halten, damit sie sich in den Graben übergeben konnte, aber das ging natürlich nicht, nun musste sie schon durchhalten, bis zu Hause.

Ihr Leiden schien noch lange nicht zu enden und es war eines, aus dem es kein Entkommen gab. Erst vor zwei Tagen hatte sie entdeckt, dass sie schon wieder schwanger war, zum vierten Mal in sechs Jahren. Dabei war Ludwig noch so klein, kaum mehr als ein halbes Jahr. Sie schaute auf ihre Hände, die abgezehrt und faltig aussahen, wie die einer alten Frau. Nur ein Glück, dass sie diese wunderbare, energische Kinderschwester gefunden hatten, die die Versorgung der Kleinen ganz allein bewältigte. Und die Kinder liebten sie offensichtlich, so konnte sie selbst sich den Aufgaben in den Geschäften ihres Mannes widmen.

Aber nun lagen wieder diese endlosen Monate vor ihr, in denen ihr übel sein würde, sie die Abende und vor allem die Nächte im Bett mit ihrem Mann fürchten musste und sie schließlich noch mehr jene hassen würde, in denen er gar nicht erst nach Hause käme. Das ganze Spiel war ihr hinlänglich geläufig, es gab so manches Mädchen oder junge Frau in der Umgebung, in deren Augen sie das Wissen, manchmal Mitleid und oft Gehässigkeit gelesen hatte. Denn eins war allen bewusst: nie würde sich ihr Mann von ihr und den Kindern trennen, diese Sicherheit besaß sie, wenn schon sonst keine.

Obwohl sie erst zweiunddreißig Jahre alt war, fühlte sie sich schon jetzt verbraucht und müde, als habe sie bereits ihr Leben hinter sich. Und so war es wahrscheinlich auch. Sie blickte auf das Profil ihres Mannes. Er sah noch immer gut aus, obwohl sich an seinen Schläfen bereits Grau unter die schwarzen Haare mischte. Aber das machte ihn wohl für fremde Frauen nur interessanter. Sie seufzte. Er sah nun selbst von der Seite zornig aus und das beruhte auf ihrer mangelnden Freundlichkeit den Dörflern gegenüber. Aber zu viel war zu viel, sie musste schließlich die ganze Woche ein lächelndes Gesicht für ihre Kundschaft machen, da wollte sie wenigstens sonntags einmal so aussehen, wie es ihr zumute war.

Leiden, dass ich nicht lache, dachte sie ketzerisch, als das Gefährt mit knirschenden Reifen auf den Kiesweg zu ihrem Haus ein bog, was hatte Christus schon zu leiden, eine kurze Zeit, dann war es vorüber, aber bei mir wird es lebenslang dauern. Und ich ertrage es nicht.

Mit starren Gesicht verließ sie das Auto und stieg die steinerne Treppe hinauf. Säure steig ihr wieder brennend in den Mund und sie eilte schnell in das Badezimmer, das ihr Mann erst vor kurzem hatte einrichten lassen. Auch dies nur ein Schaustück, dachte sie, als sie sich in die glänzend weiße Keramik erbrach. Sie wusch ihren Mund aus und legte sich auf das Bett. Kurz konnte sie nun ausruhen, alles wichtige wurde von den Angestellten erledigt.

Sie musste ein wenig geschlafen haben, denn als sie die Augen aufschlug und auf den Wecker sah, war es bald Zeit zum Mittagessen. Leicht schwindelig erhob sie sich und trat ans Fenster. Sie lächelte. Eben hob die Kinderschwester Maria im Garten den hölzernen Diabolo ihres Sohnes Friedrich auf. Dann würde sie die Kinder an die Tafel holen, denn sonntags legte ihr Mann Wert auf ein gemeinsames Mahl.

Im Untergeschoss trat sie zum Arbeitszimmer ihres Mannes, von dem man durch eine Tür in den Garten gelangen konnte. Er würde in seinem Sessel sitzen und lesen, bis sie ihn zum Essen rief. Leise drückte sie die Klinke hinab und öffnete die Tür. Sie erstarrte. Auf dem Schoß ihres Mannes saß die Kinderschwester mit hochrotem Kopf, den Diabolo noch in der fest geballten Faust. Die Rechte ihres Mannes hatte sich unter den Rock des Mädchens geschoben, die Linke hielt ihre Taille umklammert. Beide wandten den Kopf zu ihr. Blitzschnell löste ihr Mann den Griff, Maria erhob sich und trat einen Schritt in die Zimmermitte.

Sie spürte einen scharfen Schmerz, als reiße in ihrem Bauch etwas entzwei. Als sie sprach, bemerkte sie, dass sie die Lippen kaum bewegen konnte, so steif fühlten sie sich an. Tonlos sagte sie: “Maria, bitte kommen Sie mit. Wir müssten vor dem Essen rasch noch etwas an den Betten richten.” Maria strich mit zitternden Händen über ihren Rock und folgte ihr die Treppe hinauf. In der Schlafzimmertür blieb sie stehen, Angst und Unsicherheit im Blick.

Die Frau umrundete das Bett, ging zur Nachttisch ihres Mannes. Sie zog die oberste Schublade auf. Hier musste die Pistole liegen, das wusste sie genau. Ihr Mann wollte sie wegen der Einbrecher immer in der Nähe haben. Sogar ihr hatte er den Umgang damit gezeigt. Die Schublade war leer. Sie wühlte zwischen den Taschentüchern. Das war nicht möglich. Sie wandte sich zu Maria, die immer noch auf der Schwelle stand.

“Gnädige Frau, Sie wissen, dass ich nicht...”stammelte das Mädchen, dessen Wangen kreisrunde, rote Flecken aufwiesen und aus deren hoch gesteckten Haaren sich eine lockige Strähne gelöst hatte und ihr ins Gesicht fiel. Die Frau winkte ab. Sie sagte: “Das mit den Betten hat Zeit. Gehen Sie jetzt die Kinder holen.” Sie wusste. Natürlich. Darum schloss Maria ihr Zimmer nachts ab. Gut, dass die Pistole nicht da war.

Sie fühlte Eis, wo ihr Magen sein sollte. Wo steckte die Waffe? Langsam stieg sie die Treppe hinab. Unablässig der gleiche Gedanke: wo nur konnte sie sein? Vor dem Arbeitszimmer ihres Mannes stockten die Schritte. Die Beine weigerten sich, weiter zugehen. Die Hand war kaum zu heben. Sehr langsam drückte sie die Klinke. Die Tür öffnete sich.

Ihr Mann saß im Sessel. Mit dem Blick zum Garten. Wie vorher. Er las. Wandte sich nicht um. Sie trat zum Schreibtisch. Zog die oberste Schublade auf. Tief atmete sie aus. Da lag sie. Sie griff danach und entsicherte die Waffe. Nun drehte sich ihr Mann doch um. Erstaunt und wütend blickte er sie über die Schulter an. Dann stand er auf, wollte mit ausgestreckter Hand auf sie zugehen. Zorn und nur sehr wenig Angst zeigten seine Züge.

Keine Scham, keine Schuld. Kein Mitgefühl. Sie drückte zweimal ab. Während sich auf seinem blütenweißen Hemd ein dunkelroter Fleck ausbreitete, sah er sie mit Erstaunen und beinahe Respekt an. Schade, dachte sie, gestern habe ich es erst gebügelt. Er blieb noch einige Sekunden stehen. Dann fiel er nach vorn auf den Teppich. Als sie auf ihn hinunter blickte, bemerkte sie, dass aus ihrem Schuh Blut auf den guten Perser lief, ihr Blut neben seinem. Das erschien ihr plötzlich gerecht.

   

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