Seine Frau nahm ihm den Mantel ab, schob die Hausschuh vor seine Füße und erkundigte sich dabei wortreich, wie er den Tag verbracht hatte. Er bot ihr die Wange zum Kuss und brummte eine unverständliche Antwort. Warm war es hier im Haus, fast zu warm. Aus der Küche duftete es nach Rouladen, seinem Lieblingsessen. Doch wurde dieser Geruch überlagert von den Ausdünstungen zahlreicher Haustiere, mit denen seine Frau ihre Freizeit verbrachte. Daran war er noch immer nicht gewöhnt.

Erst besaß sie nur einen Kater, den sie irgendwo gerettet hatte und der nun wie immer um ihre Beine strich. Dann kamen die beiden Meerschwein-chen und die Zwerghasen hinzu, für die er im Sommer einen Stall bauen musste. Sämtliche Fürsorge der Frau konzentrierte sich auf ihn und die Tiere, da sie in ihrem Beruf als Innenarchitektin keinen Erfolg gehabt hatte.

Er betrachtete sie, als sie vor ihm her in das Esszimmer ging. Ihre schlanke Gestalt hatte ihn vor drei Jahren fasziniert und bezaubert. Jetzt erschien sie ihm eher knochig, voller Kanten, wo keine sein sollten. Als sie sich lächelnd zu ihm umwandte, registrierte er, dass ihre schräg gestellten grünen Augen denen des Katers ähnelten. Ihre Frage überhörte er dabei, so dass sie sie wiederholen musste. Ja, er hatte Hunger, stellte aber im gleichen Augenblick beunruhigt fest, dass der Appetit ihm vergangen war.

Beim Essen musste er erzählen, mit welchen Menschen er heute gesprochen, wie er ihnen geholfen hatte. Seine Frau lauschte gebannt seinen einsilbigen Äußerungen. Dabei wurde er sich wieder einmal klar, dass ihr Interesse weniger seiner Person, als seinem Amt galt. Ein großer Teil ihrer Zuneigung ging auf Kosten seines gesellschaftlichen Ansehens. Die Roulade auf seinem Teller schnitt er währenddessen in winzige Stücke, ohne mehr als die Hälfte davon zu verspeisen. Das Fleisch erschien ihm zäh und wurde bei längerem Kauen mehr, aber kaum weicher.

Die Frau ging über seinen mangelnden Appetit hinweg. Sie lachte laut, auch wenn es nichts zu lachen gab. Und entblößte dabei zwei Reihen makelloser Zähne über ihrem vorspringendem Kinn. Er riss sich zusammen. Lächelte zurück. Er durfte einfach nicht vergessen, wie wohltuend es nach den Monaten der Einsamkeit gewesen war, als sie in sein Leben trat. Nachdem seine erste Frau ihn verraten und verlassen hatte. Nun besaß er alles, was er sich schon viele Jahre wünschte. Aufmerksamkeit, Unterstützung für seinen aufreibende Tätigkeit, eine Frau, die ihm den Rücken frei hielt.

Ihr Eifer rührte zum Teil daher, dass sie aus seinen Erzählungen nur zu gut wusste, was er in zehn vergangenen Ehejahren alles vermisst hatte. Wenn er darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass sie ihrem gesamten Ehrgeiz darein setzte, eine bessere Ehefrau zu sein, als die verflossene es gewesen war. Darauf hatte er es schließlich angelegt. Denn er war nicht nur ein angesehener, sondern auch geschickter Mann, der es wohl ohne die Kunst der Beeinflussung kaum so weit gebracht hätte in der Politik.

Heute gab es ausnahmsweise keine Sitzung im Stadtrat, so dass er den Abend mit seiner Frau verbringen konnte. Sie stellte ihm bereitwillig Bier und Chips auf den Couchtisch, bevor er sich in seinem Sessel niederließ. In Gedanken versunken, bekam er kaum mit, was das abendliche Fernsehpro-gramm bot. Nach einer Stunde begann er zu gähnen und kündigte an, ins Bett gehen zu wollen. Seine Frau blieb bis zum Ende des Films sitzen.

Im Obergeschoss absolvierte er die abendlichen Rituale, immer noch mit seinen diffusen Empfindungen beschäftigt. Als er aus dem Bad trat, kam die Frau die Treppe herauf, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Sie blieb nahe der obersten Stufe stehen. Er ging auf sie zu und bot ihr die Wange dar. Sie bleckte ihre Zähne, als sei alles in bester Ordnung und stieg rückwärts wieder hinab. Er wollte noch sagen: „Pass' auf, der Kater!“, da verlor sie bereits den Halt. Sie stürzte alle achtzehn Stufen der gewundenen Stein-treppe hinunter und blieb unten reglos liegen.

Er rannte hinterher, rüttelte sie, fühlte ihren Puls. Gottseidank, sie lebte. Er alarmierte den Notarzt. Sie war bei Bewusstsein, er redete beruhigend auf sie ein. Sie sagte, sie fühle ihre Beine nicht. Eine lähmende Sekunde lang begriff er nicht die Bedeutung ihrer Worte. Dann überschwemmte ihn eine Welle der Übelkeit. Er sah sich, seine Frau im Rollstuhl schiebend, die immer auf seine Hilfe angewiesen war, ihn fesselte, erdrückte. Er konnte sie niemals verlassen. Bis dass der Tod sie scheide. So hatte er es gewollt.

 

   

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