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Immerhin hatte ihr Bruder mit ihr Boogie getanzt. Sie blickte auf ihre Arme, die fest, glatt und von der Sommersonne noch leicht gebräunt waren. Ein gelungener Hausball, fand sie. Durch die andere Tür trat jetzt ein weiterer Besucher ein. Er sah seltsam aus, konnte keiner von den Gästen sein, denn er schien bedeutend älter. Oder auch nicht, eigentlich mochte er ebenso gut zwanzig wie fünfzig Jahre sein, in einen grauen Anzug gekleidet mit einer Fliege und seltsam verschwommenen Gesichtszügen. Keiner beachtete ihn. Er trat in die Mitte des Zimmers und die Konturen der dunklen Eichenmöbel lösten sich auf, die Musik erstarb mit einem Wimmern und die Gestalten wabberten als Nebelschwaden umher.

Sie blickte auf ihre Hände, die eine große Schüssel mit Fleisch hielten. Melancholische Töne eines Leonhard-Cohen-Songs erfüllten den hellen Eßraum, an dessen Tisch eine fröhliche Gesellschaft ihr mit Rotwein zuprostete. Sie dürfe ja leider nichts trinken, aber er wünsche viel Glück für sie und das Baby, rief ihr Schwager lachend. An sich hinabblickend sah sie den gewölbten Leib ihrer zweiten Schwangerschaft, ausgeprägter als beim ersten Mal. Ihre Arme sahen rund aus, prall und stark, voller Kraft. Sie sah den eigenartigen Mann eintreten und wollte gerade fragen, wer ihn denn eingeladen habe, da strich er mit der Hand über die Ikeawand, und sie verschwand, berührte sacht den Plattenspieler, worauf Cohen sich in einen Operntenor verwandelte und die Tischgesellschaft verblasste vor ihren Augen.

Jemand zupfte sie an der Hose. “Omi, ich glaube, du träumst,” sagte die Stimme ihrer Enkelin, “du wolltest gerade die Vorspeisen auf den Tisch stellen.” Der Teller mit den Antipasti zitterte ein wenig in ihren Händen, als sie zu der Kleinen hinuntersah. Dünner erschienen ihr nun die eigenen Arme, von Flecken besät und faltig. “Komm, ich helfe dir,” sagte die Enkelin energisch, nahm die Platte und brachte sie zum Büffet. Die Frau blickte in den Wohnraum, in dem Ehemann, Kinder, Enkel und Freunde in bunter Runde miteinander schwatzten. Nein, da war kein ungebetener Gast. Sie holte den Champagner aus dem Kühlschrank, um diesen Tag würdig zu feiern.